Für Australien ein Ende in Sicht?

„Es waren die schlimmsten 110 Tage für mich. Dies wirkte sich vor allem auf meine Psyche aus und prägte mich in jedem Lebensabschnitt“, erzählte Josh Hakman, ein australischer Freund von mir, am Telefon. Der längste Lockdown ging dort nämlich von Mitte März 2020 bis Oktober 2020. Die getroffenen Maßnahmen wurden gegen Ende Oktober gelockert und teilweise aufgehoben. Doch der Lockdown war nicht vorbei. Die Gastronomie, der Einzelhandel und vor allem Selbstständige waren vor allem finanziell von den Folgen getroffen. Wer hierbei nicht außer Acht gelassen werden sollte, sind die Reisenden. Ich fragte mich, wie es in Zukunft mit Reisen nach Australien aussehen könnte und was die Einwohner selbst über die Lage bislang denken.

„Teilweise sind welche geblieben. Der Rest hat vor Angst Australien ganz verlassen.“

Josh Hakman ist in Melbourne, Victoria, geboren und aufgewachsen. Wir lernten uns zwischen 2019 und 2020 kennen, als ich Australien bereiste. Er selbst lebte in einem Hostel und sein soziales Umfeld waren vor allem Reisende; es waren seine Freunde. 

Was geschieht jedoch, wenn all deine Freunde das Land verlassen müssen und es Reisebeschränkungen gibt, die ihnen eine Wiederkehr verbieten oder erschweren? Wie sieht es denn überhaupt mit den Reisebeschränkungen innerhalb Australiens aus?

Keine Flüge und wenig Möglichkeiten

Joshs Aussagen zufolge nahmen auch seine Freunde und Bekannten das Virus anfangs nicht ernst genug, bis die Regierung dann Anfang Februar 2020 beschloss, Flüge und die Grenzen für Reisende aus dem chinesischen Raum zu streichen und sich zu isolieren. Zu Beginn des langen Lockdowns war es den Australiern dann ersichtlich, wieso man jetzt vorerst auf das Reisen verzichten sollte. Es gab täglich bis zu 700 Neuerkrankte und die Zahlen stiegen rasant an. Es war Joshs Aussagen zufolge “eine riesige Flut aus Angst, Verdrängung und politischen Machtspielen”. Doch Australien nahm sich ein Beispiel an der Regierung Neuseelands. Die Nachbarinsel schaffte es bereits im Januar 2021, das erste Land ohne Neuinfektionen  zu sein.  

Die von der australischen Regierung getroffenen Maßnahmen gingen so weit, dass man während des genannten Zeitraums innerhalb Australiens nicht einmal von Bundesstaat zu Bundesstaat und innerhalb von anderen australischen Territorien reisen durfte. Diese Beschränkungen sind bis zum heutigen Zeitpunkt, Juni 2021, nicht vollkommen aufgehoben und die Australier können nur beschränkt reisen; und das, während im Land nur 109 aktive Covid-19-Fälle gemeldet sind. Verglichen mit der Anzahl der Fälle in Deutschland ist dies erstaunlich wenig.

Auch viele Deutsche waren und sind bis heute betroffen

Für Reisende aus Europa war es keine leichte Entscheidung. Sie mussten sich alle entscheiden, entweder das Land im März 2020 zu verlassen oder es zu riskieren, ein verlängertes Visum zu bekommen und nicht mehr aus Australien ausreisen zu können; und das bis 2022.

Auch Joshs Familie kommt zum Teil ursprünglich aus Deutschland. Unter normalen Umständen besuchen diese ihn jedes Jahr in Australien. Meistens nur einmal im Jahr. Gelegentlich geht er alle ein bis zwei Jahre auch seine Familie in Deutschland besuchen, doch bisher hatte er weder die Möglichkeit, sie in zu besuchen, noch konnten seine Verwandten ihn in Australien besuchen kommen. 

“Es macht mir Angst, wenn ich daran denke, dass ich meinen Opa oder meine Opa nie wieder sehen könnte. Sie sind beide sehr alt und wir wissen alle nicht, wann das alles zu Ende geht.”

Melbourne im April 2021: Die Plätze stehen leerer als sonst.

Trotz Aufenthaltserlaubnis ist es schwierig, überhaupt einreisen zu können.“

Um nun nach Australien reisen zu können braucht man einen spezifischen Grund für eine Aufenthaltserlaubnis. Josh versuchte im Januar 2021 seine Mutter einreisen zu lassen. Das einzige und laut Josh schwerwiegendste Problem war, dass es keine Flüge nach Australien gab. Mittlerweile gibt es eine beschränkte Reiseerlaubnis aus dem Ausland. Hier muss man erwähnen, dass keine Ausländer nach Australien reisen dürfen. Joshs Mutter jedoch hat einen australischen Pass und ihr wäre es eigentlich gestattet einzureisen, wenn da nicht das Problem mit den Flügen wäre.

Ausnahmen gibt es jedoch trotzdem: Denn die engsten Familienangehörigen von Personen mit australischer Staatsangehörigkeit und auch von Personen der Bezeichnung „permanent resident“ dürfen noch in das Land einreisen. Auch Personen, die vor der Reise nach Australien mindestens zwei Wochen zuvor in Neuseeland waren, dürfen dies. 

Eine Ausnahmegenehmigung als Lösung?

Wenn man keinen Anspruch auf eine normale Aufenthaltserlaubnis hat, gibt es immer noch die Möglichkeit, bei den australischen Behörden einen Antrag auf die sogenannte „Ausnahmegenehmigung“ zu stellen. Die Ausnahmegenehmigung zu bekommen scheint schwieriger zu sein, als die meisten anfangs dachten. Diese betrifft nämlich nur all diejenigen, die dringend notwendige Tätigkeiten in Australien verrichten müssen oder über anderweitige medizinische Qualifikationen verfügen. 

Reisealternativen für australische Bürger

Die momentane Lage lässt das Reisen zwischen australischen Bundesstaaten beschränkt zu. Dies war zumindest der Fall bis Ende Mai 2021 und wird sich laut Aussagen der australischen Regierung voraussichtlich bis Mitte 2022 fortsetzen.

Viele Australier, unter ihnen auch Josh, suchten vor allem während des harten Lockdowns nach alternativen Reisemöglichkeiten. Sie wollten dem eintönigen Alltag im Haus, im Hostel oder in der Wohnung entfliehen. Doch auch das war nicht möglich. In Melbourne wurden die Auflagen und Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie laut Josh so strikt kontrolliert, dass es sogar zu Auseinandersetzungen mit den Behörden, Protesten und Demonstrationen gekommen sei. Woran das liegen könnte, ist für die Australier und vor allem die Bewohner Melbournes offensichtlich: Sie durften sich beispielsweise nicht länger als eine Stunde, und später sogar zwei Stunden, an der frischen Luft aufhalten. Dies wurde von Polizisten und anderen australischen Behörden streng kontrolliert. Hierbei kam es des Öfteren zu Ausschreitungen, Unklarheiten, organisatorischen Problemen in ruralen Gebieten und Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Psychisch war dies wohl mehr als eine kleine Hürde für jedermann. 

Außerdem wurden gesamten Strände und Parks abgesperrt, so dass man dann bei seinem einstündigen Spaziergang nicht einmal an diese Orte konnte. Somit wurde versucht, das Kontaktpotential der Bürger bis aufs Mindeste einzuschränken.

Hoffnungen

Australiens strikte Corona-Bekämpfungs-Strategie wirkt und hat vieles bewirkt. Es gibt in ganz Australien Stand Mitte Mai weniger als 200 aktive Corona-Fälle. Dennoch gehen große Metropolen und Städte Australiens erneut in den Lockdown. Die Regierung verhängt Bußgelder und andere Sanktionen,die mit der Nichtbefolgung der Regeln einhergehen. 

Nicht zuletzt musste auch Melbourne am 28. Mai 2021 erneut in den Lockdown. Dieser soll dem australischen Premierminister Scott Morrison zufolge nur eine Woche dauern. Die Menschen sind verunsichert, unter ihnen auch Josh Hakman. Dieser wurde auch bis zum geplanten Zeitpunkt eingehalten und die Bewohner können sich über Lockerungen und Normalität freuen.

Wenn es um die Impfungen geht, scheint ein Ende der Pandemie nicht weit entfernt zu sein. Fraglich bleibt nun, wann genau ein Land fast so groß wie ganz Europa dies erreichen wird.

Josh selbst bleibt zuversichtlich, denn schließlich habe er den harten Lockdown von über 110 Tagen auch überstanden. Die australische Regierung bleibt dies ebenfalls und mit etwas Glück wird die Reisebeschränkung und das Einreiseverbot für Ausländer, wie ursprünglich geplant, schon Mitte 2022 aufgehoben.

“Ich hoffe sehr, dass die Stadt wieder aufblüht, wie sonst jeden Sommer. Ich kann es auch kaum abwarten die Restaurants, Bars und Straßen wieder voll mit Reisenden und Backpackern zu sehen.”, so Josh am Ende unseres langen Telefonats. Vorfreude sei schließlich die schönste Freude.

Um sich über das weitere Geschehen zu informieren: https://www.health.gov.au

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